Aus dem Schulalltag eines Rechtsanwalts

„Vor zehn Jahren begann ich in Hamburg Jura zu studieren. Zehn Jahre später bin ich zurückgekehrt, allerdings mit einem unjuristischen Auftrag: Ich bringe Schülerinnen und Schülern aus den internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) der Schule Surenland in Farmsen Deutsch bei“, sagt Quintin Mahlow. Er ist Fellow von Teach First Deutschland und berichtet aus seinem neuen Alltag.

„Herr Mahlow ist ein nett Mann“ schreibt einer meiner Schüler in seiner Hausaufgabe. Aufgabe war es, eigene Sätze mit den neu erlernten Vokabeln zu formulieren. Der Schüler heißt Rashid* und ist alleine aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Am Anfang des Schuljahrs sprach er außer einem zögerlichen „Hallo“ kein einziges Wort Deutsch. Mittlerweile gehört er zu den stärksten Schülern meines Sprachförderungskurses und zitiert deutsche Sprichwörter.
Anyana ist in ihrem Heimatland Rumänien nur vier Jahre zur Schule gegangen, obwohl sie 16 Jahre alt ist. Die deutsche Sprache fiel ihr nicht unbedingt zu und am Anfang war sie sehr auf die Hilfe ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler angewiesen. Selbst langsames Nachsagen von Worten oder Abschreiben von Texten fiel ihr schwer. Man wollte sie bereits in eine Alphabetisierungsklasse stecken. Nach dem ersten Deutschtest, den wir schrieben, blieb sie alleine nach der Stunde da und es platzte aus ihr heraus: „Ich deutsch sprechen nicht gut.“ Ich tröstete Anyana, gab ihr Recht, dass die deutsche Sprache nicht gerade einfach sei und machte ihr Mut. Bei ihrer zweiten Deutscharbeit hat sie eine der besten Arbeiten geschrieben.
Diese zwei Eindrücke aus meiner bisherigen Zeit als Fellow bei Teach First Deutschland zeigen gut, warum ich mich für dieses Programm entschieden habe, warum ich an dieses Programm glaube und warum es einfach unheimlich viel Freude bringt, an der Entwicklung junger Menschen teil zu haben.
Ich kenne eine andere Arbeitswelt, eine Welt voller Akten, Schreibtischarbeit und flüchtiger Gespräche mit dem Büropersonal als Highlight zwischenmenschlicher Interaktion. Die neue Arbeitswelt ist voller Jugendlicher aus verschiedensten Kulturen, aus verschiedensten Ländern, mit verschiedensten Migrationsgeschichten. Die Schülerinnen und Schüler sind dabei auch ganz normale Jugendliche mit all den Besonderheiten, die die Pubertät bereit hält. Jeder Schultag ist mit neuen unvorhergesehenen Herausforderungen gefüllt. An der Lösung dieser Herausforderungen mitzuwirken, ist für mich bislang wesentlich lebendiger als alle juristischen Grabenkämpfe, die ich im Studium oder meiner Zeit als Rechtsanwalt im Wirtschaftsrecht bestritten habe.

* Die Namen von Schülerinnen und Schülern wurden von der Redaktion geändert.

Tina BeckAus dem Schulalltag eines Rechtsanwalts