Neustart für Ratena

Ratena ist START-Stipendiatin, kommt aus Kabul, ist zwanzig Jahre alt und lebt seit 2012 in Deutschland. Im Gegensatz zu vielen anderen afghanischen Familien beschreibt sie ihre eigene als fortschrittlich, liberal und aufgeschlossen.

Ihre Familie, das waren Ratena, jüngste von fünf Schwestern und ihre Eltern. Das Geld reichte lediglich dafür, die Älteste in die Schule zu schicken. Der einzige Unterricht, den Ratena hatte, waren gelegentliche Nachhilfestunden in Mathematik und Englisch mit ihrem Vater und ihrer Schwester, die das Gelernte aus der Schule an sie weitergab.
Außerhalb des Familienkreises war es für Ratena aufgrund von Verfolgung und Krieg zu gefährlich, soziale Kontakte zu knüpfen. Der einzige Weg, den sie kannte, war der Weg vom Elternhaus zum Tempel, selbstverständlich nie allein und vollkommen verhüllt – „etwas Anderes“, so Ratena, „hätte die Gesellschaft in Kabul nicht akzeptiert.“

Von Kabul nach Erfurt

Heute lebt Ratena in Erfurt. Warum sie aus Kabul flüchten musste?: „Meine älteste Schwester wurde von den Taliban getötet. Mein Vater wollte uns andere schützen“, sagt Ratena. Der Neuanfang in Deutschland gestaltete sich für die Familie alles andere als leicht. Ratenas Vater erlitt einen Arbeitsunfall. Die Schmerzen des kaputten Rückens zogen eine Medikamentenabhängigkeit nach sich. Die Mutter litt unter Depressionen. Auch Ratena ging es nicht gut. Aber Sie hatte ein klares Ziel vor Augen: ihrer Familie zu helfen. Daraus schöpfte sie die Kraft, in wenigen Monaten Deutsch zu lernen und engagierte sich in der Diakonie, wo sie für neu angekommene Flüchtlinge übersetzte. Dennoch habe sie sich in der Zeit sehr ausgeschlossen gefühlt und Probleme gehabt, in der Schule Freunde zu finden, so Ratena. Als ihre Lehrerin ihr vom START-Stipendienprogramm für Schülerinnen und Schüler erzählte, sah sie die Chance für einen wirklichen Neuanfang. Sie bewarb sich und überzeugte die Jury, die über die Aufnahme in das Programm entscheidet, auf Anhieb.

Eine neue Freiheit

„Mein ganzes Leben hat sich seitdem geändert. Die Veranstaltungen waren toll. Ich hatte in der Schule Fächer, von denen ich bisher in Kabul noch nie etwas gehört hatte. START brachte mir bei, damit umzugehen und unterstützte mich im Alltag. Ich habe endlich gelernt, meine Meinung zu sagen und habe Freunde gefunden.“ Ratenas Eltern erkannten, dass sie keine Angst mehr haben müssen, dass sie nicht zurückkommt, sobald sie das Haus verlässt.
Überhaupt hat Ratena erst durch das selbstständig sein bei START gelernt, was sie alles kann. Als sie mit START auf der Leipziger Buchmesse Autorinnen und Autoren kennengelernt hat, überlegte sie sich selbst zu schreiben. Bei Sportevents lernte sie, sich frei zu bewegen. „Diese Art der Freiheit“, betont Ratena, „soll man nicht unterschätzen.“ Ohne START hätte sie die Schule nicht geschafft. Und jetzt? Jetzt macht Ratena ihr Fachabitur und will etwas in der Verwaltung oder Wirtschaft anfangen. Was genau, müsse sie sich noch überlegen. Das Wichtigste sei dennoch etwas Anderes: „Ich habe gelernt, wie man jemandem hilft, ohne etwas zu haben.“
Wir wünschen Ratena viel Glück und viel Kraft auf ihrem Weg!

Tina BeckNeustart für Ratena