Angst vor der Zukunft nehmen

In Deutschland hängt Bildungserfolg immer noch stark von der sozialen und wirtschaftlichen Situation des Elternhauses ab. Dabei sind vor allem Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Milieus oder mit Migrationshintergrund benachteiligt. Gerade sie werden häufig durch das Bildungssystem vernachlässigt oder ganz zurückgelassen.
Cemil ist 15 Jahre alt und besucht eine Hauptschule in einem Duisburger Problembezirk. In der Schule ist er zwar ganz gut – hat viel Spaß an Mathe und Sport – dennoch macht er sich in letzter Zeit viele Gedanken über seine Zukunft. Bei seinem Bruder Eren hat er im vergangenen Jahr mitbekommen, wie schwierig es sein kann eine Ausbildung zu finden, wenn man „nur“ einen Hauptschulabschluss hat. Zwar erzählen einige Lehrer Cemil und seiner Klasse, dass es Lehrstellen gibt, die überhaupt nicht besetzt werden und Unternehmen vergeblich Auszubildende suchen. Aber sein Bruder hatte nur Absagen erhalten und ist jetzt im Übergangssystem gelandet. Cemil ist verunsichert. Er möchte nicht, wie viele Menschen in seinem Bezirk, arbeitslos werden. Er Wünsche und Träume, möchte mal einen guten Job haben, seine eigene Familie gründen und selbst versorgen können. Mit seinen Eltern und seinem Bruder will er über seine Zukunftsängste nicht reden, sie haben selbst viele Sorgen und er will sie nicht noch mit seinen belasten. Cemils Eltern sind erst kurz vor seiner Geburt nach Deutschland gekommen – ohne Job und ohne Deutschkenntnisse. Seitdem haben sie sich mühsam ihren Platz in der Gesellschaft erarbeitet. Für Cemil und Eren wünschen sie sich, dass sie es einmal besser haben, nach der Ausbildung eine Arbeit finden, die ihnen Spaß macht und ein glückliches Leben führen werden. Das wünscht sich auch Cemil, aber hat das Gefühl, als würde er gegen riesige Windmühlen ankämpfen.

Ein Tag im September

An einem Herbsttag, zwei Monate nach Beginn des neuen Schuljahres, kommen drei Studierende in Cemils Klasse und stellen ROCK YOUR LIFE! vor. Der Verein organisiert Mentoring-Beziehungen zwischen Jugendlichen mit sozial oder wirtschaftlich benachteiligten Hintergründen und ehrenamtlichen Studierenden. Cemil ist sofort interessiert und möchte gerne einen Studenten kennenlernen, der ihn in der Schule und vor allem auf dem Weg in eine Ausbildung unterstützen kann. Ihn interessiert auch, wie der Student sich für sein Studium entschieden und beworben hat, denn Cemil weiß noch nicht genau, was er machen möchte, vielleicht kommt für ihn ja auch so ein Studium in Frage?

Sich einen Mentor aussuchen

Als sich die Mentoren im ersten Training vorstellen, versteht er sich auf Anhieb mit Florian gut. Er ist 21 Jahre alt, studiert BWL und ist vor allem, genau wie Cemil, sehr sportinteressiert. Der Altersunterschied stört die beiden nicht, sie haben den gleichen Sinn für Humor und überlegen gleich, wann sie das erste Mal zusammen kicken könnten. Seitdem treffen sie sich regelmäßig zum Sport, quatschen Jungszeug, unternehmen etwas zusammen. Cemil hat Vertrauen zu Florian, er findet es gut, dass er ihm zuhört und ihn mit seinen Ansichten, Wünschen und Sorgen ernst nimmt. Er erzählt Florian auch, dass er Angst hat, dass es ihm wie seinem Bruder gehen wird und er als Hauptschüler keinen Ausbildungsplatz bekommt. Florian versteht das, denn er selbst denkt auch oft darüber nach, ob er nach dem Studium gleich eine Stelle finden wird. Gerade deswegen macht er Cemil Mut. Zusammen finden sie in Gesprächen raus, wo Cemil seine Stärken und seine Talente sieht.

Konkrete Hilfe bei der Bewerbung

Gemeinsam machen sie dann einen Plan: Cemil wird in der nächsten Zeit mehrere Praktika in verschiedenen Bereichen absolvieren. So kann er sich einen ersten Eindruck von möglichen Arbeitsfeldern machen. Als erstes entscheidet sich Cemil für ein Praktikum im Einzelhandel gleich in der Nähe. Florian hilft ihm bei der Bewerbung. Sie schreiben ein Unternehmen an, mit dem ROCK YOUR LIFE! bereits kooperiert und das auch Unternehmensbesichtigungen für die ROCK YOUR LIFE! Mentees anbietet. Nach einer Woche erhält Cemil die freudige Nachricht, dass das Unternehmen ihn gerne in einem kurzen Vorstellungsgespräch kennenlernen möchte. Er schreibt Florian direkt eine Message und teilt ihm die tollen Neuigkeiten mit. Gleichzeitig bittet er ihn um Unterstützung – er möchte sich auf dieses Gespräch vorbereiten. Kurz darauf treffen sich die beiden und üben den Ablauf eines Vorstellungsgesprächs bis sich Cemil sicher fühlt. Wenige Tage später berichtet er Florian wie gut das Gespräch gelaufen ist und dass er bereits eine Zusage für ein zweiwöchiges Praktikum hat. Cemil hat Spaß an der Arbeit und fühlt sich von seinen Chefs und Kollegen gut eingebunden. Dennoch möchte er noch mehr Arbeitsmöglichkeiten kennenlernen – vor allem den Bereich Logistik findet er spannend. Auch den hat er während seines Praktikums kennengelernt. Florian macht ihm den Vorschlag sich bei einem anderen ROCK YOUR LIFE! Partnerunternehmen auf ein Praktikum in der Lagerlogistik zu bewerben.

Beim Praktika formte sich der Berufswunsch

Jetzt will Cemil seine Bewerbung selbst schreiben und sie dann gemeinsam mit Florian durchgehen. Florian ist stolz auf Cemil und wie viel er in der kurzen Zeit schon gelernt hat. Auch in diesem Unternehmen erhält er ein zweiwöchiges Praktikum, wenn auch erst in den übernächsten Ferien. Gleich nach dem ersten Arbeitstag schreibt er Florian begeistert davon, dass er als ausgebildeter Lagerlogistiker täglich Gabelstapler fahren dürfe. Und im Lager gäbe es neben den üblichen Waren manchmal auch ganz besondere Sachen, die so genannten Gefahrengüter. Auch die weiteren Praktikumstage bereiten ihm großen Spaß und Cemil ist sich nach den 2 Wochen sicher, dass er in einem halben Jahr auf den Ausbildungsplatz als Lagerlogistiker bewerben will. Bis dahin haben die beiden nun noch einiges vor: an Cemils Stärken arbeiten, seine Noten verbessern und eine tolle Bewerbung schreiben. Letztendlich hat sich die Arbeit ausgezahlt, denn Cemil konnte den gewünschten Ausbildungsplatz ergattern.

Von der Hauptschule in die Ausbildung

Florian ist überzeugt, dass er seinen Weg gehen wird: „So fleißig und zielstrebig wie Cemil während unserer gemeinsamen Zeit war, bin ich mir sicher, dass er seine Ausbildung erfolgreich abschließen und in eine tolle Zukunft starten wird. Ich hoffe, er bleibt mir als Fußballkumpel und zum gemeinsamen Eishockey schauen erhalten.“ Auch Cemil ist sehr glücklich über seinen Mentor und seine Ausbildung: „Florian ist ein totales Vorbild für mich. Er weiß auch nicht immer, was er als Nächstes macht. Aber dann geht er das ganz strukturiert an und findet so immer einen Weg. Davon konnte ich mir viel abschauen. Jetzt freue ich mich total auf die Ausbildung und darüber, dass meine Eltern stolz auf mich sind.“
Heute fühlt sich Cemil nicht mehr hilflos, im Gegenteil: Er weiß, dass er seine Zukunft selbst beeinflussen zu kann.

Weitere Informationen:

ROCK YOUR LIFE!

 

christina.franzenAngst vor der Zukunft nehmen