„Aufrunden folgt dem Prinzip der doppelten Entlastung“
Stephan Grünewald im Interview

Stephan Grünewald ist Diplom Psychologe, Mitbegründer des renommierten rheingold-Instituts und Bestsellerautor. Der „Psychologe der Nation“ (Frankfurter Allgemeine) führt dort mit seinen Kollegen jedes Jahr mehr als 5.000 Tiefeninterviews zu aktuellen Fragen aus Markt, Medien und Gesellschaft durch. Seit Start von DEUTSCHLAND RUNDET AUF engagiert er sich im Kuratorium der gemeinnützigen Spendenbewegung. Wir sprachen mit ihm über das Thema Mikrospende.

Unsere Spendenbewegung DEUTSCHLAND RUNDET AUF ist angetreten, um wertloses Kleingeld in faire Chancen für Kinder zu verwandeln. Inzwischen hat – rein statistisch gesehen – jeder Deutsche fast schon zwei Mal „Aufrunden bitte!“ gesagt und bis zu 10 Cent gespendet. Wie ist der Erfolg des Spendenprinzips zu erklären?
Das Aufrunden folgt dem Prinzip der doppelten Entlastung. Kundinnen und Kunden, die im Supermarkt einkaufen, stehen mit dem vollen Einkaufswagen an der Kasse. Sie kaufen schöne Sachen für sich, vielleicht für ihre Familie, um sich etwas Gutes zu tun. Durch das Aufrunden entlasten sie ihr Gewissen, weil sie den Einkauf mit der Unterstützung für arme Kinder verbinden können. Und sie entlasten ihr Portemonnaie von lästigem Kleingeld. Unter dem Strich können sie mit leichtem Gepäck und gutem Gewissen nach Hause gehen.
Mit Kleinem Gutes für die Kleinen zu tun ist für die Menschen eine unprätentiöse Hilfe nebenbei. Sehr wichtig dabei ist das 100%-Versprechen von DEUTSCHLAND RUNDET AUF – das wenige Geld kommt ohne Abzüge komplett den Kindern zu Gute. Man muss sich vorher nicht lange mit der Frage quälen, wieviel ankommt und ob es überhaupt ankommt.

Ein Konsens der nicht überrascht: 99 Prozent der Deutschen finden es laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage wichtig (32 Prozent) oder sehr wichtig (67 Prozent), dass jedes Kind unabhängig von seiner sozialen Herkunft die gleichen Chancen hat. Der Zweck von DEUTSCHLAND RUNDET AUF findet ein breites Echo in der Bevölkerung. Welche Chancen brauchen Kinder, insbesondere von Armut betroffene Kinder eigentlich, um sich gut zu entwickeln?
Gegenwärtig erlebt unsere Gesellschaft Terroranschläge und das Gefühl einer wackligen inneren Sicherheit. Bildung wird vor diesem Hintergrund nicht nur als Wissenstransfer bewertet, sondern als Maßnahme der Erziehung und Domestizierung, als wichtige Voraussetzung, um als vernunftbegabter Staatsbürger in unserem Land zu leben. Daher steht Bildung derzeit so besonders hoch im Kurs. Sie ist langfristig und nachhaltig. Mit Bildung können wir dafür sorgen, dass Menschen nicht frustriert sind und sich ausgegrenzt fühlen.
Dazu kommt das Thema der sozialen Ungerechtigkeit. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Einigkeit besteht darin (auch bei politisch sehr links denkenden Menschen), dass man nicht sicherstellen kann, dass jeder der Leistung bringt, auch gleichzeitig am Wohlstand partizipiert. Sicherstellen kann man aber, dass alle die gleichen Startchancen haben, auch wenn wir in einer 2 Klassen-Gesellschaft leben.
Frage: Wieso fühlt es sich für viele Menschen gut an, kleine Cents zu spenden, die ohnehin fast wertlos sind?
Wir leben in dem Konflikt, dass wir einerseits den Kuchen essen wollen und andererseits behalten wollen. Letztendlich geht es um Kleinstbeträge, die unter dem Radar bleiben. Mit der Mikrospende macht man etwas, das nicht weh tut, sondern sogar etwas, das gut tut. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Und wir haben weniger Ballast als zuvor.

Etwa ein Viertel der Kundinnen und Kunden, die aufrunden, haben vorher in ihrem Leben noch nie gespendet, wie eine Befragung der OC & C-Strategy-Consultants zeigt. Haben Mikrospendenmodelle die Kraft, die Mitte der Gesellschaft für die gute Sache zu aktivieren und Deutschland zu verändern?
Ich arbeite mit meinem Team vom rheingold-Institut auch seit vielen Jahren für UNICEF und bin dort auch im Komitee.
In diesem Zusammenhang haben wir uns intensiv mit der Spendenmotivation beschäftigt. Häufig stehen sehr persönliche biografische Motive dahinter. Jemand hat als Kind eine Ungerechtigkeit erlebt und möchte mit der Spende erreichen, dass diese keinem anderen wiederfährt, man möchte quasi seine Kindheit korrigieren.
Mit der Mikrospende ist es kinderleicht, sich zum ersten Mal als Spender oder Spenderin zu erleben. Wer „Aufrunden bitte!“ sagt, macht die Erfahrung eines wohltuenden, befreienden Gefühls. Das kann der Beginn einer Spendenkarriere sein. Denn bei Mikrospenden tritt auch kein Katzenjammer auf nach dem Motto: „Was habe ich bloß getan? Das viele Geld? Ist das auch wirklich gut angelegt?“ Das positive Gefühl kann die Bereitschaft erhöhen, noch einmal zu spenden und auch einen etwas größeren Betrag zu spenden.

Hat das Aufrunden also eine Art Alibi-Funktion? Eigentlich kostet es mich ja nichts, aber ich kann mir trotzdem die gute Sache auf die Fahnen schreiben?
Nein, denn jede Spende ist nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, sondern auch ein Akt der Selbstliebe.
Für Organisationen ist es meiner Ansicht nach auch nicht so wichtig, warum Menschen spenden, sondern dass sie spenden. Ein Metzger, der Tiere durch den Wolf dreht kann auch sadistische Motive haben, dies zu tun. Trotzdem kann die Wurst des Metzgers gut schmecken.

DEUTSCHLAND RUNDET AUF ist im Einzelhandel gestartet. Nicht nur in dieser Branche werden Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung für Kaufentscheidungen der Kunden immer wichtiger. Hat das Prinzip von DEUTSCHLAND RUNDET AUF mit der Mikrospende gemeinsam durch kleine Taten Großes zu bewegen die Kraft, sich als einfaches Alltagsengagement in der Deutschen Wirtschaft zu etablieren?
In anderen Ländern gibt es schon länger die Bestrebung, das Kleingeld ganz abzuschaffen. Mit dem Aufrunden haben wir sicher den galanteren Weg in die kleingeldlose Gesellschaft. Wir schaffen es nicht einfach ab, sondern machen aktiv etwas Gutes für Kinder damit.

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