„Ich konnte nicht glauben, dass Kinder in diesem reichen Land hungern“

Schauspielerin Uschi Glas ist Gründerin von „brotZeit e.V.“, unserem 28. Förderprojekt, für das wir aktuell Mikrospenden sammeln. Der Verein organisiert kostenloses Frühstück für Kinder an Brennpunktschulen in ganz Deutschland. Wir haben Uschi Glas gefragt, warum sie „brotZeit“ gegründet hat, wie das Projekt den Kindern hilft und was ihr Wunsch an die neue Bundesregierung ist, um faire Chancen für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu schaffen.

Frau Glas, wie sind Sie auf die Idee gekommen, „brotZeit“ zu gründen?

Uschi Glas: Das war 2008. Ich fuhr durch München und hörte im Autoradio einen Beitrag, dass jedes vierte Kind ohne Frühstück in die Schule geht und sich nicht auf den Unterricht konzentrieren kann. Ich weiß noch genau, dass es ein herrlicher Herbsttag war und wie sehr mich diese Nachricht erschütterte. Denn ich konnte nicht glauben, wie es in dieser schönen Stadt und in diesem reichen Land sein kann, dass Kinder hungern. Ich bin nach Hause und habe das mit meinem Mann besprochen. Ich wollte helfen, und er war sehr offen dafür. Wir haben dann gemeinsam recherchiert, wie die Lage tatsächlich ist. Und sie war genauso wie in dem Radio-Bericht. Mein Mann und ich haben dann vier Schulen angerufen und gefragt, was sie am nötigsten brauchen und wie wir helfen könnten. Die Schulleiterinnen und Schulleiter antworteten, es wäre schon schön, wenn wir Zwieback vorbeibringen könnten. Zwieback! Das müssen Sie sich mal vorstellen. Ich bekam ein schlechtes Gefühl, dass das keine wirkliche Hilfe ist. Mein Mann und ich haben dann selbst Notfallboxen mit Knäckebrot, Keksen, Zwieback und Müsliriegeln gepackt und diese in 52 Klassenzimmer gestellt. So fing es an. Mit dem befreundeten Ehepaar Mosler haben wir im Februar 2009 den Verein gegründet. Inzwischen haben wir daraus eine absolut professionelle Organisation gemacht, die jeden Morgen rund 8.000 Kinder an fast 200 Schulen in ganz Deutschland mit einem Frühstück versorgt.

Sprechen die Kinder mit Ihnen darüber, warum sie Zuhause kein Frühstück bekommen?

Uschi Glas: Nein, eine solche Frage würde ich nicht stellen. Das eine und das andere Mal schütten sie ihr Herz aus. Das ist oft nicht nur traurig, sondern auch dramatisch. Wissen Sie, ich möchte den Kindern ihre Würde lassen. Sie müssen sich das so vorstellen: Manche Kinder dürfen im Winter, wenn es noch dunkel ist, kein Licht in der Wohnung machen, weil die Eltern schlafen wollen. Es ist eine unvorstellbare Aufgabe für Sechs- oder Siebenjährige, sich morgens den Wecker eine Dreiviertelstunde früher zu stellen, um zu unserem Frühstück zu kommen, weil sie Hunger haben. Das verdient große Anerkennung und auch Diskretion, was ihre familiäre Situation angeht. Und ganz generell gesagt, kann jedes Kind zu unserem Frühstück kommen. Unsere Tür ist für alle offen. Niemand muss sich erklären.

Was bewirkt „brotZeit“ bei den Kindern?

Uschi Glas: Sehr viel. Das wissen wir, weil wir es untersuchen lassen haben. Das Modus-Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung hat die Entwicklung der Zeugniszensuren von brotZeit-Kindern und deren Mitschülerinnen und Mitschülern, die nicht an unseren Projekten teilnehmen, analysiert und evaluiert. Demnach überholen unsere Kinder schon nach einem Jahr die anderen – und zwar nicht nur bei den schulischen Leistungen, sondern auch beim Sozialverhalten. Und das bestätigt sich auch in der Praxis. Die Schulleiter erzählen mir immer wieder, wie sehr sich das Klima und die Lernatmosphäre schon nach kurzer Zeit zum Besseren verändern, sobald brotZeit an der Schule aktiv wird.

Gerade laufen die Koalitionsverhandlungen. Was muss die neue Bundesregierung tun, damit alle Kinder und Jugendlichen faire Chancen erhalten?

Uschi Glas: Zwei Dinge: Erstens brauchen wir zumindest an den sozialen Brennpunkten Ganztagsschulen. Denn zuhause bekommen die Kinder keinerlei Förderung. Wenn sie eine faire Chance haben sollen, dann benötigen sie am Nachmittag Förderung und Hausaufgabenhilfen in der Schule. Und zweitens wünsche ich mir, dass der Staat uns beim Frühstück hilft. Wir haben eine skalierbare Organisation geschaffen, das heißt, unser Konzept können wir jederzeit auf weitere, ja sogar alle Schulen, an denen ein brotZeit-Frühstück nötig wäre, übertragen. Nur fehlt uns dafür das Geld. Derzeit engagieren wir uns an knapp 200 Schulen. Unsere Bedarfsrechnung hat ergeben, dass in Deutschland rund 2.000 Schulen mit rund 85.000 Schülern in unser Förderschema fallen. Wir versorgen derzeit also schon beinahe zehn Prozent dieser bedürftigen Kinder und brauchen dafür, wenn wir die Lebensmittel-, Personal- und Logistikspenden abziehen, zwei Millionen Euro im Jahr. Wenn Sie das jetzt mit zehn multiplizieren, dann wissen Sie, wie wenig – gemessen am riesigen Bundeshaushalt – der Staat ausgeben müsste, um allen bedürftigen Kindern zu helfen. Das wäre eine Investition in unsere Zukunft. Man muss das Frühstück – das zeigen die Evaluationen unserer Arbeit – in einen größeren Zusammenhang stellen. Jedes Jahr brechen 60.000 Hauptschüler die Schule ab. Denken Sie an die fehlenden Fachkräfte und auch die Transferleistungen, die das verursacht. Die Investition ins Frühstück und Förderung sind vorbeugende Maßnahme, die einen Bruchteil dessen kosten.

Kürzlich ist der Film „Fack ju Göthe 3“ in die Kinos gekommen, wo Sie die Rolle der ausgebrannten Lehrerin Leimbach-Knorr spielen. Sind Erlebnisse aus Ihrem Engagement an Schulen in die Rolle eingeflossen?

Uschi Glas: Nein, natürlich nicht. Ich habe ja nicht das Drehbuch geschrieben. Das hat Bora Dagtekin gemacht. Der Effekt ist eher umgekehrt. Für die Schüler, die mich bisher nur als die Person kannten, die ihnen das Frühstück ermöglicht, bin ich plötzlich Frau Leimbach-Knorr. Das ist für alle ein riesiger Spaß.

Seniorinnen und Senioren organisieren ehrenamtlich in den Schulen das Frühstück für die brotzeit-Kinder – entwickeln sie sich zu Bezugspersonen?

Uschi Glas: Und wie! Es ist wirklich wunderbar zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen den Kindern und unseren Seniorinnen und Senioren entwickelt hat. Die Kinder öffnen sich, erzählen, was sie machen und bedrückt. Und unsere Ehrenamtlichen haben dafür ein offenes Ohr. Ja, für viele ist das sogar der Hauptgrund, bei brotZeit mitzumachen. Die Kinder halten sie jung und geben ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden. Viele unserer Ehrenamtlichen erzählen mir, wie sie ihre sozialen Kontakte verloren haben, nachdem sie aufgehört haben zu arbeiten. Jetzt bauen sie neue auf. Und durch ihr Engagement bei brotZeit bekommt ihr Tag wieder eine Struktur: Sie müssen früh aufstehen, sich duschen und schick machen. Neulich hat mir eine Seniorin erzählt, wie ihr ein Kind auf einer Straße in Neukölln „Hallo, Inge“ zugerufen hat. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr sie sich darüber gefreut hat. Die gesellschaftliche Anerkennung, die unsere Senioren erfahren, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das merke ich schon an solchen Kleinigkeiten. Und ja, es entwickeln sich zum Teil so enge Beziehungen, dass wir von „Ersatz-Großeltern“ sprechen können.

Suchen Sie gerade weitere helfende Hände, die an den Schulen mitmachen?

Uschi Glas: Jederzeit. Erstens wächst brotZeit kontinuierlich weiter. Für jede neue Schule brauchen wir neue „helfende Hände“, wie Sie das so treffend nennen. Und zweitens arbeiten wir jetzt seit fast zehn Jahren an den Schulen. Natürlich werden unsere Senioren auch nicht jünger. Selbst wenn es ihnen schwerfällt, müssen immer wieder welche aufhören, weil sie aufgrund ihres fortschreitenden Alters nicht mehr so gut können. Bei uns arbeiten jetzt mehr als 1.100 Senioren. Schon bei einer kleinen prozentualen Fluktuation ist unser Bedarf zahlenmäßig immer hoch.

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