Jugendwerk: Gemeinsam statt einsam

Ali* kam als Sechzehnjähriger aus Syrien nach Wittmund in Ostfriesland und engagiert sich seitdem ehrenamtlich als Projekt-Multiplikator beim Jugendwerk. Er besucht Kindergärten, Schulen und Vereine und betreut zwei Schulsanitätsdienste. „Dank meiner Helfertätigkeit habe ich in Deutschland neue Freunde und ein zweites Zuhause gefunden!“ sagt Ali.

Ali überlebte eine IS-Säuberungsaktion in seinem Ort. Sein Vater hat ihn auf dem Dach des Hauses versteckt. Von da beobachtete Ali eine grausame Hinrichtungsszene. „Ich hatte sehr große Angst,“ erzählt der achtzehnjährige Schüler.

Gemeinsam statt einsam

Dass Ali zum Jugendwerk gekommen ist, war ein großer glücklicher Zufall: Eine Breakdance-Gruppe des Jugendwerkes suchte einen Ort für das Training. Der Weg führte sie über einen Schulhof, wo sie zum Aufwärmen ein paar Radschläge übten. Ein etwas verloren wirkender Jugendlicher in Begleitung zweier Kinder sah ihnen gebannt zu – Ali mit seinen Geschwistern. Der Jugendwerk-Sozialpädagoge fragte die drei, ob sie Lust hätten, mitzumachen.

Heute motiviert Ali andere Zugewanderte zum ehrenamtlichen Engagement. Mit Unterstützung eines Sozialpädagogen und drei jugendlichen Helfern fing er an, ältere Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien für das Ehrenamt zu begeistern und zu schulen. Unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam“ ist ein innovatives integratives Freizeit- und Bildungsangebot für Kinder und Jugendliche entstanden.

Etwas bewegen und stolz darauf sein

Im vergangenen Jahr haben Ali und seine Mitstreiter_innen über 400 Kinder und Jugendliche regelmäßig betreut und unterstützt. Über 20 Kinder und Jugendliche konnten sie für die örtlichen Feuerwehren begeistern. „Wenn ich den Kindern helfe sich sozial zu engagieren, dann bin ich stolz auf diese Kinder und auf mich selbst. Ich fühle mich selbstbewusst und dankbar hier in Deutschland“, sagt Alis 15-jähriger Schüler Amir*.

Das Miteinander zu stärken ist alles andere als einfach. Denn in der strukturschwachen Region Ostfriesland leben viele zugewanderte Familien weitgehend isoliert vom kulturellen und sozialen Gesellschaftsleben. Die Kontakte zwischen Migranten und Einheimischen bleiben gering. Die Kluft zwischen ihnen wächst immer weiter.

Perspektivlosigkeit macht anfällig für Radikalität und Gewalt

Wenn Ali mit den Kindern und Jugendlichen aus diesen Familien spricht, weiß er wie sie sich fühlen und was sie brauchen. Denn er erinnert sich gut an seine eigene Ankunft im fremden Ostfriesland. In dieser Situation ist Perspektivlosigkeit eine immense Gefahr. „Die jungen Menschen, die sich bis jetzt nicht angenommen in Deutschland fühlen, sind anfällig für Radikalität und Gewalt. In unseren Gruppen finden diese Jugendlichen die gesuchte Anerkennung und werden zu Freunden der Demokratie und Völkerverständigung.“

Ali gibt viele verschiedene Kenntnisse und Fertigkeiten an Kinder und Jugendliche weiter: Erste Hilfe, Schwimmen, Tauchen, Klettern, Gitarre spielen, Tabla spielen, Tanzen. Einiges hat er aus seinem Alltag in Syrien mitgebracht, Anderes hat er in Wittmund beim Jugendwerk gelernt. Alle Aktivitäten stärken das Verständnis zwischen den Kulturen und das friedliche Zusammenleben vor Ort. Von Ali geschulte Schulsanitäter nahmen in diesem Sommer an zwei landesweiten Erste Hilfe-Wettbewerben teil und gewannen jeweils den 2. und 3. Preis! Und Dank dem leidenschaftlichen Engagement von Ali ist eine intensive Kooperation mit der regionalen THW-Jugend und der Rettungshundestaffel entstanden. „Junge Flüchtlinge sind besser als ihr Ruf“, pflegt Ali immer zu sagen, und lebt das auch vor.

*Namen von der Redaktion geändert

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