Obdachlosigkeit: Nie wieder auf der Straße leben!

Mindestens 37.000 junge Menschen sind in Deutschland akut von Obdachlosigkeit bedroht, schätzt das Deutsche Jugendinstitut. Tendenz steigend. Darunter sind viele ehemalige, gerade erst volljährige Heimkinder, aber auch Jugendliche, die Zuhause aufgewachsen sind.

Häufig werden sie viel zu früh sich selbst überlassen und scheitern. Viele kommen zunächst zeitweise bei mehr oder minder guten Bekannten „auf dem Sofa“ unter. Doch das ist unsicher und kann schnell zu echter Obdachlosigkeit führen. Dann geht es steil bergab. Oft führt der Weg in Großstädte, wo sie ihr Überleben mit Bettelei, Prostitution oder Kleindiebstahl sichern müssen. Dennoch: Sie träumen von Geborgenheit und wollen nicht dauerhaft auf der Straße leben. Sie sind häufig ganz normale Jugendliche und junge Volljährige, stammen aus allen Gesellschaftsschichten, möchten wieder zur Schule gehen oder eine Ausbildung beginnen. So wie Sandra.

Sandra – von Obdachlosigkeit bedroht

Es hätte noch einiges mehr schief gehen können im Leben der gerade erst 18-Jährigen. Viel hat nicht gefehlt, dass sie abstürzt. Das weiß sie selbst. Sandra stammt aus Hessen, doch sie geriet über eine Internetbekanntschaft nach Dortmund, weil es zu Hause mit den Eltern nicht mehr klappte. Dauerstreit, Misshandlung und Missachtung statt liebevollem Elternhaus. Sie war kein Wunschkind, sagt sie knapp. Für ihre Mutter war sie eher die böse Überraschung. „Ohne Hilfe wäre ich auf der Straße gelandet“, sagt Sandra nüchtern, während sie im Besprechungsraum der Dortmunder Streetwork-Station der Off Road Kids Stiftung sitzt. Angefangen hat alles mit der Vernachlässigung durch Sandras Mutter. Sandra war Ersatzmutter, Putzfrau und Schülerin in einer Person, denn ihre Mutter kümmerte sich nicht um sie und ihre drei Schwestern, vor allem nachdem sie einen neuen Partner gefunden hatte. „Der war gewalttätig“, sagt Sandra. Sie floh, nachdem der Stiefvater die Kinder schlug. Der Gedanke, Abitur zu machen, geriet in weite Ferne.

Mit einem Bein auf der Straße

Sandra beschloss nach Dortmund zu einem Freund zu ziehen, den sie ein paar Monate vorher im Internet kennen gelernt hatte. „Aber mein Freund wohnt ja auch noch bei seiner Mutter. Die hat mich zwar aufgenommen, hat irgendwann aber gesagt, dass ich jetzt auch finanziell etwas zum Haushalt beisteuern muss.“ Sandra verstand das, aber was sollte sie tun? Drohte ihr jetzt die Obdachlosigkeit? Mit einem Bein war sie bereits auf der Straße. Fachleute sprechen von verdeckter Obdachlosigkeit – von entkoppelten jungen Menschen. Sandra ist eine von rund 37.000 in Deutschland. Es ging schief. Die Mutter entschied, dass Sandra ausziehen muss. Völlig unbedarft lief das junge Mädchen durch die Dortmunder City und versuchte zu betteln. Sie verbrachte die erste Nacht schlaflos auf einer Parkbank und hatte unglaubliches Glück. Niemand vergriff sich an ihr, niemand bestahl sie.

Zur Streetwork-Station von Off Road Kids

Dann hörte Sandra von älteren Obdachlosen, dass es auch in Dortmund ein Streetwork-Station der Off Road Kids-Stiftung gibt, die sich um Ausreißer, Straßenkinder und wohnungslose junge Menschen kümmert. Seit ihrer Gründung vor 25 Jahren in ganz Deutschland hat sie mehr als 5000 junge Leute von der Straße geholt. Mit den Sozialarbeitern analysierte Sandra ihre Situation und entwickelte einen gangbaren Plan für eine aussichtreiche Zukunft. Das Jobcenter hilft jetzt mit, gibt Sandra Starthilfe für ihre kleine neue Wohnung und ihr Leben. Sie hat beste Aussichten auf einen Ausbildungsplatz als Steuerfachangestellte. Mit ihrer Mutter hat sie wieder gelegentlich Kontakt. Die Möglichkeiten in Sandras Leben waren bis jetzt immer schlechter als bei vielen Gleichaltrigen, die sie kennt. Das soll sich jetzt endlich ändern. „Mein großes Ziel ist es, doch noch Abitur zu machen und zu studieren“, sagt Sandra. Sie ist sich sicher, dass sie die schlimmsten Zeiten hinter sich gebracht hat: „Aber alleine hätte ich das niemals hinbekommen.“

 

>> Projektinformationen zu Off Road Kids
>> Zur Homepage von Off Road Kids

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