„MACH DINGE JETZT UND SCHIEB SIE NICHT AUF!“

Nina Haensch, Geschäftsführerin der Stiftung DEUTSCHLAND RUNDET AUF im Gespräch mit Christina Franzen

Wenn sie einem gegenübersitzt, strahlt einem sofort Offenheit und Sympathie entgegen. Dunkelbraune, schulterlange gelockte Haare, wache braune Augen mit kleinen grünen Punkten, lebhafter Blick. Und dann, wenn sie über DEUTSCHLAND RUNDET AUF spricht, kommt diese Begeisterung durch: Das ist ihr Thema, ihre Herzensangelegenheit. Sieben Jahre hat Nina Haensch als Geschäftsführerin die Geschicke der Stiftung DEUTSCHLAND RUNDET AUF geführt. Jetzt wechselt sie die Rollen. In einem Kreuzberger Café erzählt sie von Veränderungen, Beginn und Ende und was sie vom Inselleben hält.

Wenn man die letzten sieben Jahre der Nina Haensch in einem Drehbuch festschreiben würde, dann wäre der Beginn traurig – Plot – Erkenntnis – Plot – Treffen mit Wendung/Aufbruch – Plot – Erfolgsgeschichte – Plot – wieder Veränderung – Plot – Aufbruch mit Happy End. Doch das Leben hat kein Drehbuch. Oder doch? Im Oktober 2011 stirbt mit knapp 63 Jahren Ninas Mutter. Für die damals 35jährige Volljuristin kam der Schicksalsschlag viel zu früh und so ist die Trauer groß. „Meine Mutter war der Anker, die Macherin und hat immer an mich geglaubt. Und nun war sie nicht mehr da.“ Aber für Nina Jäcker (Anm. d. R.: damals war sie noch nicht verheiratet) war der Tod ihrer Mutter auch ein Signal: Zeit für Veränderungen. „Ich wusste noch nicht so richtig was ich wollte, aber ich wusste, es muss sich was ändern.“ Sieben Jahre war sie erst als Justiziarin und dann als Geschäftsführerin bei der WDR mediagroup GmbH, ein Tochterunternehmen vom WDR beschäftigt. Sie betreute Kinderformate, verhandelte Lizenzverträge, akquirierte neue Märkte. Im Dezember 2011 kündigt sie den Job.

 

BILDUNG IST KEINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT

„Es war eine tolle Arbeit, sympathische Themen, wie die ‚Sendung mit der Maus‘. Aber ich spürte, ich brauch was Neues, ich will Veränderung.“ Sie kündigt nicht nur den Job, sondern löst auch ihre damalige Beziehung auf und geht im Januar 2012 für vier Monate mit einem „Round the World“-Ticket auf Reisen. „Ich musste raus, weit weg und den Kopf frei bekommen.“ Einmal rund um die Welt – Argentinien, Brasilien, Neuseeland, Australien, Thailand, Nepal und mit der Transsibirischen Eisenbahn 7.923 km von Peking über Ulan Bator nach Moskau. „In Nepal habe ich eine Trekking Tour gemacht. Und der Sherpa erzählte mit viel Stolz von seinen fünf Kindern und noch stolzer, dass er eines seiner Kinder eine Ausbildung ermöglichen kann, für die anderen vier würde sein Lohn halt nicht reichen. Solche Begegnungen hatte ich unterwegs viele. Spannende, interessante, sehr unterschiedliche. Und mir wurde dabei so oft vor Augen geführt, dass Bildung und Ausbildung keine Selbstverständlichkeiten sind. Und was wir in Deutschland für ein Glück haben, wir haben eine Schulpflicht, keine Hungersnöte und ähnliches.“ Viele Länder, viele Begegnungen, eine Feststellung – Nina Jäcker weiß jetzt, in die Businesswelt will sie beruflich nicht zurückkehren. „Meine Schwester ist Ärztin. Sie rettet ständig Leben. Macht was Sinnvolles. Das wollte ich auch. Aber ich wusste noch nicht genau, was es wird. Eine große NGO, mit vielen Hierarchien und alteingesessen, verstaubten Abläufen, wollte ich nicht. Also kurz gesagt, ich wusste ziemlich genau was ich nicht wollte.“

 

ZEIT FÜR EINEN NEUANFANG

Wieder in Deutschland bekommt sie von Freunden den Tipp sich auf dem Mitte Mai stattfindenden „Vision Summit“ in Potsdam umzuschauen.  Der „Vision Summit“ war die Bündelung führender Impulsgeber der neuen integrierten Szene des sozialen Engagements in Unternehmen und Gesellschaft. Hier trafen Social Innovation, Social Entrepreneurship, Eco Business, Social Business und Corporate Social Responsibility und auch Christian Vater, Gründer von DEUTSCHLAND RUNDET AUF und Nina Jäcker aufeinander. „Ich hatte den Vortrag von Christian Vater gehört und war von der Idee und der Art der Umsetzung begeistert. DEUTSCHLAND RUNDET AUF war gerade gestartet, steckte quasi noch in den Kinderschuhen und hatte doch schon so viel Zuspruch. Ich habe dann Christian Vater angesprochen, um zum einen mehr zu erfahren und zum anderen ihm auch zu sagen, wie toll ich diese Idee fand.“ Es wurde ein längeres Gespräch und auch nach Ninas Rückkehr nach Köln tauschen sie sich weiter aus. Dann kam das Angebot. „Christian Vater suchte neben sich einen weiteren Geschäftsführer und fragte mich, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich habe ihm dann Löcher in den Bauch gefragt, bin nach Berlin gefahren, habe mir das Team angeschaut und war begeistert.“ Im Juli 2012 folgt der Umzug nach Berlin. „DEUTSCHLAND RUNDET AUF war jung, hatte einen riesigen Drive und es war keine große NGO. Es war genau das, was ich wollte.“ Eine optimale Kombination zwischen sozialem Engagement, unternehmerischen Handeln und Innovation. „Vor allem begeistert mich immer wieder das Engagement der Förderprojekte.“

 

DIE RICHTIGE IDEE ZUM RICHTIGEN ZEITPUNKT

Für Nina Jäcker kommt DEUTSCHLAND RUNDET AUF aus einer Bewegung, die Menschen mobilisiert und eine Botschaft verbreitet. Mit Enthusiasmus spricht sie von der Spendenbewegung: „DEUTSCHLAND RUNDET AUF ist unternehmerisches Denken in Verbindung mit Gemeinwohl. Die Macher in den Förderprojekten die fragen nicht lange, sondern machen. Bewundernswert. Und Maßnahmen, die wir in der Organisation umsetzen, zeigen sofort Ergebnisse. Natürlich mussten wir auch schon das eine oder andere Mal Korrekturen vornehmen, aber das war dann auch ein Ergebnis. In der Wirtschaft ist es oft so, dass man Hierarchien beachten und Dienstwege einhalten muss. Hier nicht. Man kann ausprobieren, Ideen entwickeln und umsetzen, aber auch umändern. Alle im Team haben ein unternehmerisches Denken, jeder hier nimmt die Organisation so, als ob es seine ist, weil jeder hier DEUTSCHLAND RUNDET AUF voranbringen will.“ Die Spendenbewegung war und ist für sie prägend, weil jeder einen Beitrag gegen Kinderarmut und für faire Chancen für Kinder in Deutschland leisten kann. Das unterscheidet diese NGO von anderen. „Spenden war immer ein eher elitäres Thema – das ist es bei uns nicht. Wir haben die Demokratisierung der Spende eingeführt und umgesetzt. Es ist toll, dass dieses kleine Team so viel leistet und niemand sich für eine Aufgabe zu schade ist. Wir haben sehr viel in „Do it your self“-Methode gemacht und machen es immer noch. Und wir haben großartige Sachen und Kampagnen auf die Beine gestellt. Keiner im Team hat Berührungsängste; eine Frage oder Problem wird gestellt und sofort sind alle dabei: Was machen wir damit? Ideen werden entwickelt und dann einfach umgesetzt.“

 

75.000 KINDER UND NOCH ZWEI DAZU

2013 lernt sie in Hamburg ihren jetzigen Mann Michael kennen. 2015 kommt die gemeinsame Tochter Elena zur Welt, 2017 folgt die Hochzeit. Aus Nina Jäcker wird Nina Haensch. Noch heute stolpert sie manchmal über ihren neuen Familiennamen, unterschreibt oder meldet sich am Telefon mit ihrem Mädchennamen. „Ich habe kein gutes Namengedächtnis. Ein wirkliches Manko“, gesteht sie lachend ein. Und was war in sieben Jahren DRA noch ein Manko? Die Antwort kommt schnell. „Zu Beginn sind wir davon ausgegangen, dass alle sofort bei uns mitmachen wollen und werden. Aber wir haben gelernt, so funktioniert es nicht. Damals lief die Partnerpflege nicht so intensiv und eng und nach dem die ersten Partner bei DRA ausgeschieden waren, folgte für uns eine Konsolidierungsphase. Wir haben uns selbst hinterfragt und überlegt, was wir ändern müssen.  Wir haben dazu gelernt und sind heute besser aufgestellt. So hatte das letztendlich auch einen Sinn und zeigt, dass bestimmte Dinge, Prozesse dann am Ende doch richtig sind.“

Besonders stolz ist sie, dass in den sieben Jahren rd. 75.000 Kindern geholfen werden konnte. „Und auch darauf, dass wir diese Idee so vorangebracht haben. Wir haben mit dem, was wir machen, viel erreicht. Wir sind keine Eintagsfliege. Wir zeigen Seriosität nach innen wie nach außen – aber ohne spießig zu sein. Wir wollen keine Berührungsängste aufbauen, haben weitere Spendenmodelle entwickelt, denn jeder ist willkommen und leistet bestenfalls einen kleinen Beitrag für unsere Gesellschaft.“

 

UND WIEDER ZEIT FÜR VERÄNDERUNGEN

Jetzt, nach weiteren sieben Jahren, stehen wieder Veränderungen im Leben der Nina Haensch an. Gerade hat sie ihr zweites Kind, Sohn Luka bekommen. Und mit dieser Schwangerschaft bekam auch ein Gedanke in der Familie Haensch immer mehr Raum. „Für meine Familie und mich war die Schwangerschaft Anlass Entscheidungen zu treffen, mit denen wir schon lange geliebäugelt hatten. Konkret heißt das, wir werden unsere Zelte in Deutschland abbrechen und auf Bornholm aufschlagen. Wir haben uns in diese Insel verliebt. Mein Mann und ich waren uns einig, dass es toll sein würde, wenn unsere Kinder hier aufwachsen. Umgeben von Natur pur, einem ruhigen Umfeld und Meer. Und da wir im letzten Jahr die Chance zum Kauf eines Bauernhofes auf Bornholm bekamen, haben wir quasi zugeschlagen. Und daher werden wir noch in diesem Jahr endgültig auf die Insel ziehen.“ Im ersten Moment macht man als Zuhörer über diese Entscheidung große, erstaunte Augen. Aber irgendwie passt es auch zu Ninas Lebensweisheit. „Gerade nach dem Tod meiner Mutter ist mir noch klarer geworden: ‚Mach Dinge jetzt und schieb es nicht auf‘. Deshalb machen wir es jetzt und nicht irgendwann einmal.“ Ein großer Schritt und eine klare Entscheidung. Damit steht für Nina auch fest, operativ kann sie DRA nicht mehr führen. „Aber ich will gerne meine Expertise und meine Ideen weiter einbringen  Daher wechsle ich ins Kuratorium von DEUTSCHLAND RUNDET AUF. Das ist für mich und auch meine Familie realisierbar und organisatorisch machbar. Ich werde der Organisation weiter verbunden bleiben – die Konstante ist gewährleistet – für unsere Partner und für mich persönlich.“ Es ist also kein Abschied? „Nein, ich glaube an diese Idee und ich will auch, dass die Bewegung noch größer wird, weiterwächst. Aber im Wechsel liegt auch eine große Chance – neue Herausforderungen im Sinne der Sache anzugehen und zu meistern.“

Viele würden sagen, es ist ein mutiger Schritt mit Familie, Sack und Pack auf eine dänische Insel zu ziehen. Was passiert, wenn es nicht klappt? „Scheitern kenne ich nicht. Für mich ist Veränderung immer eine Chance, schafft Freiraum und Inspiration für Neues.“

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