Das war meine Chance – Christian Baron

20. Apr 2020 Team  DRA
Das war meine Chance – Christian Baron



Herr Baron, Sie sind Redakteur, Autor und der erste Akademiker in Ihrer Familie. Vor Kurzem ist Ihr autobiographisches Roman-Debut „Ein Mann seiner Klasse“ erschienen. Dass in Deutschland noch immer die soziale Herkunft über den Bildungsweg von Kindern ausschlaggebend ist, ist hinlänglich bekannt. Wie haben Sie dennoch den „sozialen Aufstieg“ geschafft?

Ich hatte großes Glück, denn es gab an den entscheidenden Wegmarken meines Lebens bislang immer Menschen, die mir Türen geöffnet haben. Natürlich waren Neugier und vor allem Fleiß die Grundvoraussetzungen, um überhaupt "entdeckt" zu werden. Aber von ganz allein wäre mir dieser Bildungsweg nicht gelungen, da hätte ich der klügste kleine Junge der Welt sein können. In meinem Fall waren die Helferlein schon früh im Leben meine Grundschullehrerinnen, die in mir schüchternem Kerlchen ein Kind gesehen haben, das lernen will und dafür hart zu arbeiten bereit ist. Meine Mutter hat früh mein Leseverständnis gefördert, meine Tanten haben meinen Hunger auf Politik und Kultur nach Kräften unterstützt, und meine Sozialarbeiterin beim Jugendamt hat später alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ich Waisenkind mich in Ruhe auf das Abitur konzentrieren und sogar den Sprung an eine Universität schaffen konnte.

Sie haben Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik studiert. Wieviel hat die Wahl dieser Fächer mit Ihrer Herkunft zu tun?

Anfangs hing das gar nicht zusammen, eher im Gegenteil: Mein Onkel hatte mir sogar geraten, unbedingt etwas "Solides" zu studieren, so was wie Jura, damit ich viel Geld verdienen und dabei auch "etwas für den kleinen Mann" tun könne. Wenn sich ein Mensch mit meiner sozialen Herkunft  für ein Studium entscheidet, dann wählt er in aller Regel die auf dem Papier sicherere Variante, also Fächer mit größeren Arbeitsmarktchancen. Dass ich es wagte, Sozialwissenschaften zu studieren, und das noch nicht einmal auf der "soliden" Bahn des Lehramts, das habe ich vor allem meinem Sozialkundelehrer zu verdanken. Er ist der beste Lehrer, den ich jemals hatte. Sein Unterricht weckte in mir die Neugier für die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge. Ich wollte begreifen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", wie es in Goethes "Faust" so schön heißt. Plötzlich saß ich mit 16 Jahren in der Schulbibliothek und las den "Spiegel". Dieser Lehrer hat mir auch geraten, bloß nicht auf die staubtrockenen Karriereberater zu hören und stattdessen das zu studieren, was mit am meisten Spaß macht. Heute bin ich ihm dankbar, weil ich nicht nur meinen Traumberuf lernen konnte, sondern auch viel mehr über meine soziale Herkunft verstehe, als wenn ich Ingenieurswesen oder BWL studiert hätte.

Gibt es einen Menschen, der Ihnen in Ihrem bisherigen Leben besonders weitergeholfen und/oder besonders an Sie geglaubt hat? Ihnen vielleicht diese eine große Chance gegeben hat?

Vor einiger Zeit gab es ein kleines Klassentreffen mit meiner alten Grundschulklasse. Da waren auch die erwähnten Grundschullehrerinnen dabei. Eine von ihnen sagte zu mir, als ich den Raum betrat: "Ach, Christian, du strahlst ja immer noch so!" Die Schule war für mich damals ein Zufluchtsort, an dem ich nicht an die häusliche Gewalt durch meinen Vater und unsere Armut denken musste. Bei diesen Lehrerinnen fühlte ich mich richtig wohl. Sie hatten gespürt, wie sehr ich diese Zuwendung brauchte, und deshalb haben sie ihren Ermessensspielraum als Pädagoginnen bis an die Grenze des Legalen ausgereizt und unsere Familie unterstützt, sie kamen bei uns zu Hause vorbei, luden meinen Bruder und mich zum Abendessen ein, sie sprachen uns Mut zu, und sie brachten auch schon mal an Weihnachten Essen vorbei, wenn wir nichts hatten. Das hätte sie den Job kosten können, aber sie wollten helfen, das haben sie als ihren Job angesehen. Solche Menschen braucht es in einem System, das so große Ungleichheit und Ungerechtigkeit produziert, sonst gelänge es Menschen wie mir nicht, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen.

Haben Sie in Ihrer Schulzeit soziale Ausgrenzung unter Kindern bewusst erlebt?

Bei mir selbst habe ich Ausgrenzung wegen der Armut erfahren. Beim Hausmeister konnte man sich damals in der großen Pause eine kleine Flasche Schokomilch kaufen, die kostete 50 Pfennige. Alle schlürften diese Milch, nur ich nicht, weil mir das Geld dafür fehlte. Manchmal musste ich mich auch bei Schulausflügen krank melden, weil meine Eltern mir die Reise nicht finanzieren konnten. Ausgrenzung im Sinne von Mobbing habe ich in der Schulzeit selbst zum Glück nie erlebt, obwohl ich als schüchterner Einserschüler ein klassisches "Opfer" gewesen wäre. Womöglich hat mich gerettet, dass ich ein ziemlich guter Sportler war und immer als Erster ins Fußballteam gewählt wurde. Ich hatte damals aber einen Mitschüler aus Polen, der Probleme mit sozialer Nähe hatte. Er wurde über Jahre hinweg von einigen Jungs aus meiner Klasse brutal gemobbt, und ich bin fast nie eingeschritten, hab nur meinen Mund gehalten und war froh, nicht in deren Visier geraten zu sein. Das war feige, und ich werfe es mir bis heute vor. Wir haben aber auch kaum Unterstützung von den Lehrern erfahren. Es gab sogar einen Sportlehrer, der dem gemobbten Jungen vor der ganzen Klasse nach dem Sportunterricht eine Duschpflicht aufgebrummt hatte, nur weil ein Idiot aus meiner Klasse behauptet hatte, er würde stinken. Während ich in der Grundschule also die besten Seiten der Pädagogik kennengelernt hatte, traf ich in der weiterführenden Schule immer wieder auf Lehrer, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren.

Haben Sie es selbst oder bei anderen Jugendlichen erlebt, dass von Erwachsenen Stereotype vorgegeben werden, die einen begrenzen? Die einen zurückhalten, etwas auszuprobieren, sich etwas zuzutrauen?

Mein Bruder ist ein Jahr älter als ich, er war jahrelang mit mir in einer Klasse. Wir konnten eine Gesamtschule besuchen, da lernen alle Schüler länger gemeinsam als im mehrgliedrigen Schulsystem. Und dennoch gab es auch dort Lehrer, die sozialchauvinistische Stereotype weitergaben. Mein Bruder war kein Überflieger, aber seine Noten hätten problemlos für den Übergang von der neunten zur zehnten Klasse gereicht. Der damalige Stufenleiter bat ihn zum Gespräch und riet ihm beharrlich ab, weiter zur Schule zu gehen, denn die Mittlere Reife würde er ohnehin nicht schaffen. Also ging er mit dem Hauptschulabschluss ab. Hätten wir studierte Eltern gehabt, dann wären die mit ihrem akademischen Selbstvertrauen wohl zu diesem Lehrer gegangen und hätten ihm eine verdiente Standpauke gehalten. Bei uns war es anders: Der Lehrer galt als Autorität, also muckten wir nicht auf. Dieses devote Verhalten wird armen Menschen im Alltag vorgelebt, nach dem Motto: "Schuster, bleib bei deinen Leisten, und Arbeiterkinder studieren nicht, basta."

Haben Sie das Gefühl, dass sich unsere Gesellschaft diesbezüglich seit Ihrer Kindheit verändert hat? Wenn ja, in welche Richtung?

In den vergangenen Jahrzehnten sind wegen der liberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik in allen Industrienationen die Einkommensunterschiede größer geworden. Und da zwischen ökonomischem Status des Elternhauses und dem Bildungserfolg eines Kindes ein enger Zusammenhang besteht, muss man annehmen, dass die soziale Ungerechtigkeit in diesem Bereich zugenommen hat. Dass so wenige Arbeiterkinder studieren, liegt ja nicht daran, dass sie von Natur aus dümmer wären als Akademikerkinder. Die Situation wurde leider durch die Politik aktiv herbeigeführt. Seit der Einführung von "Hartz 4" im Jahr 2005 ist das Machtgefälle zwischen Bürokratie und Sozialleistungsbeziehern gewachsen. Wer nicht jeden vom Amt angebotenen Job annimmt, dem wird das Existenzminimum gekürzt. Es gibt also kein soziales Recht mehr auf Teilhabe in dieser Gesellschaft, weil Hilfe immer an ein einseitig definiertes Wohlverhalten des Hilfe-Empfängers geknüpft ist. Weil die Politik in Deutschland parallel den größten Niedriglohnsektor Europas etabliert hat, müssen die Armen ihre Arbeitskraft so schlecht bezahlen und sich durch ihre Chefs so mies behandeln lassen wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Da haben viele Menschen das Gefühl, ihr Platz in der Gesellschaft sei ihnen von Geburt an zugewiesen, und sie können daran nichts ändern.

Aktuell stellt uns alle die Corona-Krise vor ganz neue Herausforderungen. Die Schulen und Kindergärten in Berlin sind seit über drei Wochen geschlossen. Auch Soziale Projekte, die sich gezielt um Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Milieus kümmern, können nicht wie gewohnt weiterarbeiten. Wie schätzen Sie die Folgen für diejenigen Kinder ein, deren familiärer Hintergrund sie weder sozial, noch schulisch, noch finanziell auffangen kann?

Ich befürchte, diese Krise wird die Ungleichheit vertiefen. Wer keinen Home-Office-tauglichen Beruf hat oder sogar seinen Job verliert, empfindet Trauer, Zorn, Frust. In Zeiten der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen besteht dann die große Gefahr, dass es zu häuslicher Gewalt kommt. Es macht einen Unterschied, ob man im Eigenheim mit den Kindern im Garten spielen kann oder ob man als alleinerziehende Niedriglöhnerin bei gesperrten Spielplätzen in der Zweizimmerwohnung in der Innenstadt ohne Balkon in Zwangskurzzeit ausharren muss. Da kommen viele Dinge zusammen: Budenkoller, noch weniger Teilhabe am sozialen Leben, vor allem aber finanzielle Tragödien. Auch beim "Home-Schooling" sind nicht alle gleich. Wer Akademikereltern hat, der wird zu Hause viel Hilfe und Unterstützung bekommen. Wer dagegen gerade um den Übergang in die zehnte oder elfte Klasse kämpft und keine Eltern mit ausreichend Vorwissen hat, der ist stark im Nachteil und wird es schwer haben, die festgelegten Lern- und Leistungsziele zu erreichen.

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