Streitschlichter im Einsatz

Seniorpartner in School bildet Senioren und Seniorinnen aus, die als Streitschlichter und -schlichterinnen ehrenamtlich an Schulen im Einsatz sind, auch an vielen Brennpunktschulen. Wie sie Kindern und Jugendlichen helfen, selbst ihre Konflikte zu lösen, zeigt die Geschichte von Julius und Lenny.

Wir warten auf Julius und Lenny aus der 4a. Der Klassenleiter hat uns gefragt, ob die beiden mal zu uns kommen können. Sie streiten ständig, prügeln sich sogar. Fast jede Pause ist er als Streitschlichter gefragt, doch ihm fehlt die Zeit, näher auf den Konflikt einzugehen. Wir sind einverstanden, bitten den Lehrer aber, den beiden Jungen im Vorfeld zu sagen, dass die Teilnahme an der Mediation freiwillig ist. Wenn sie das Gespräch mit einem Streitschlichter ablehnen, so ist das in Ordnung. Wir fragen den Lehrer nicht nach Details. Wir wollen hören, was die Jungen uns erzählen.

„Wir sind keine Lehrer, keine Polizisten, keine Richter“

Wir stellen vier Stühle so im Halbkreis auf, dass jeder jeden gut sehen kann, und da hören wir die beiden schon auf dem Flur, laut debattieren. Wortfetzen wie „Lügner“, „Idiot“, dringen an unser Ohr, und dann stehen sie in der Tür, immer noch wutschnaubend. Freundlich begrüßen wir sie, bitten sie Platz zu nehmen und stellen uns vor: „Wir sind Herr und Frau E. – wir sind keine Lehrer, keine Polizisten, keine Richter.“ „Und? Was sind Sie dann“, fragt Julius neugierig. „Wir sind Mediatoren, Streitschlichter, wir wollen Kindern die einen Streit haben, helfen, eine gute Lösung für ihren Konflikt zu finden.“ „Dann soll der Idiot Julius sich erst mal bei mir entschuldigen, weil er meinen Schulrucksack versteckt hat“, wütet Lenny los.
„Stopp“, sagen wir unisono. „Es gibt Regeln für unser Gespräch: Hier wird keiner beleidigt, es wird nicht geprügelt, jeder darf ausreden. Seid ihr mit diesen Regeln einverstanden? Und seid ihr freiwillig hier?“ Die Jungen bejahen beides.

Jeder will zuerst reden

Frage: „Worum geht euer Streit? Wer möchte beginnen?“ Jeder will zuerst reden, wir werfen eine Münze, Julius darf beginnen, Lenny erklärt sich noch widerstrebend einverstanden.
Julius erzählt wortreich, wie sehr er sich über Lenny ärgert, der ihn jeden Tag damit „verarscht“, weil er angeblich in Laura, eine Mitschülerin verliebt sei. „Stimmt ja auch“, wirft Lenny ein. „Erst gestern…“ Stopp. Wir unterbrechen Lenny. Die Regel: Jeder darf ausreden. Wir drücken Julius einen mittelgroßen Stein in die Hand, den „Sprechstein“. „Wer diesen Stein in der Hand hält, ist mit reden dran!“ Okay, Julius hält seinen Stein fest und erzählt weiter, wie sehr es ihn ärgert, dass Lenny ihn jeden Tag hänselt und auslacht, weil er immer mit den Mädchen abhängt, dabei hat er einfach keinen Bock auf Fußballspielen. Julius hat zwei ältere Schwestern und ist „Mädchenspiele“ gewohnt. Aber dass Lenny behauptet, er knutscht mit Laura heimlich rum, macht ihn total wütend. Es verletzt ihn, wie er stockend zugibt. Lenny bekommt den Sprechstein und sagt, dass er Mädchen einfach doof und langweilig finde und froh sei, dass er keine Geschwister hat. Er kann gar nicht verstehen, dass Julius am Mittagstisch die Reste von Lauras Mittagessen aufgegessen hat. „Der isst sogar von einem Mädchenteller“, sagt er angewidert. Julius will hochgehen, aber Lenny hat den Sprechstein und kann weiterreden. Er ist sauer, weil Julius seinen Schulrucksack versteckt hat, ausgerechnet an dem Tag, an dem wichtige Hausaufgaben fällig waren. Und Lenny hat Stress mit der Lehrerin bekommen, weil die Hausaufgaben am nächsten Tag fehlten. Julius weißt, wie ehrgeizig Lenny in der Schule ist, er wollte ihn treffen, weil der ihn halt immer ärgert.

„Keine Beleidigungen“ sagen die Streitschlichter

Auf unsere Frage, ob die beiden spüren können, wie sehr der andere jeweils verletzt ist, nicken die beiden. „Habt ihr denn eine Lösung, wie ihr in Zukunft besser miteinander auskommen könnt?“ fragen wir. Lenny: „Der Julius soll mich einfach in Ruhe lassen.“ Julius sagt das gleiche. „Und was kannst du, Julius und du Lenny tun, damit es besser läuft?“ lautet die nächste Frage. Lenny sagt zögernd: „Also, wenn der Julius so viele Schwestern hat, ist es vielleicht logo, dass er eher ein Weiberheld ist. „Keine Beleidigungen“, unterbrechen wir. Lenny: „Okay, dann spiel ich halt mit meinen Kumpels Fußball und lass‘ den Julius in Ruhe.“ Julius: „Wenn der Lenny mich wieder ärgert, dann sag ich gleich, er soll‘s lassen, den Schulrucksack zu verstecken war wohl keine so gute Idee. Sorry.“
Die beiden gucken sich an. Versöhnung? Handgeben ist noch nicht drin. Sie versprechen, sich aus dem Weg zu gehen und sich in Ruhe zu lassen.

Wir halten das in einem Vertrag fest, den beide unterschreiben. Beide verabschieden sich, sichtlich erleichtert. Auf unsere Frage, ob sie in zwei Wochen noch einmal kommen wollen und berichten, was gut geklappt hat, nicken sie begeistert. „War doch cool bei den Mediatoren“, grinsen sie. „Danke auch.“

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