„Unsere Schülerinnen und Schüler liegen uns sehr am Herzen.“

Hilka Probst* ist seit 8 Jahren Lehrerin an der „Bücherwurm-Grundschule am Weiher“ – in einem Teil von Berlin-Hellersdorf, der als Brennpunkt-Bezirk gilt. Rund 500 Kinder besuchen die Schule. Etwa die Hälfte von ihnen lebt in Familien mit wenig Einkommen. Seit 2012 gibt es in der Bücherwurm-Grundschule täglich ein kostenloses Frühstück für die Kinder, das von ehrenamtlichen Seniorinnen organisiert wird. Möglich macht das der Verein „brotZeit e.V.“, das 28. Projekt für das DEUTSCHLAND RUNDET AUF Mikrospenden sammelt.

Frau Probst, wie ist „brotZeit“ an Ihre Schule gekommen?
Hilka Probst: Eine Studienkollegin hat mir von „brotZeit“ erzählt und ich dachte sofort – Mensch, dass ist genau das, was wir an unserer Schule brauchen! Denn oft kamen Kinder zu uns Lehrerinnen und Lehrern und sagten: „Meine Mama hat mir nichts zu essen mitgegeben.“ Oder: „Unser Kühlschrank ist leer. Ich habe Hunger!“

Gab es Hürden, bevor „brotZeit“ starten konnte?
Für das Kollegium war es zuerst nicht einfach, das Projekt anzunehmen. Es kamen Einwände wie: „Frühstück ist doch Sache der Eltern! Jetzt nehmen wir ihnen diese Verantwortung auch noch ab.“ Aber letztendlich sind sich alle einig geworden: Die Kinder können nichts dafür und wir können ihnen mit „brotZeit“ helfen.

Auch die Eltern waren zuerst zögerlich. Wir haben sie anfangs bei Elternabenden und durch den Aushang von Flyern über das kostenlose Frühstück informiert. „Müssen wir nachweisen, dass unser Kind bedürftig ist? Müssen wir Papiere vorlegen?“, fragten sie. Da „brotZeit“ genau dies nicht verlangt und allen Kindern, die vorbeikommen, ein Frühstück anbietet, haben sich die Bedenken schnell gelegt.

Einmal gab es von einer Mutter ein kleines Dankeschön – eine Karte und ein Glas Marmelade, das sie ihrem Kind mitgegeben hat. Ansonsten gab es in den nun sechs Jahren keine Resonanz von Eltern. Einmal fragte ich ein Elternpaar, warum sie ihr Kind zum Frühstück bringen. Sie sagten, sie fänden es schön und wichtig, dass ihr Kind in Gesellschaft frühstückt und nicht ganz allein Zuhause.

In der Regel frühstücken täglich fünfzig Kinder bei uns, manchmal sogar bis zu siebzig. Am Monatsende kommen übrigens wesentlich mehr Kinder, weil das Geld in den Familien knapp wird.

War es schwierig, „brotZeit“ vor Ort an Ihrer Schule zu organisieren?
Das Ganze hat innerhalb von vier Wochen geklappt, ohne besondere Hürden. Wir haben einen großen Raum, wo das Frühstück stattfinden kann und eine Mini-Lehrküche. Dafür konnte ich fehlende technische Geräte wie Wasserkocher, Geschirr oder einen Kühlschrank bestellen. „brotZeit“ finanziert das alles. Das ist natürlich ein großer Gewinn für die Schule und eröffnet Möglichkeiten für weitere Projekte.

Wie nehmen die Kinder „brotZeit“ an?
Die Kinder freuen sich riesig auf das Frühstück. Es ist immer wieder herrlich, wenn sie freudestrahlend, satt und mit verschmiertem Mäulchen in den Klassenraum kommen. Die Kinder sind ausgeglichener, aufnahmefähiger, weniger aggressiv.

Unsere Schulkinder und unsere Seniorinnen – das ist einfach ein tolles Miteinander.
Unsere älteste Ehrenamtliche ist bereits achtzig Jahre und heißt bei den Kindern einfach ‚Omi’. Leider ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo sie aus gesundheitlichen Gründen aufhören muss. Wir suchen gerade händeringend Ersatz.

Für die Kinder ist nicht nur wichtig, dass sie mit einem Frühstück in den Schultag starten. Nebenbei lernen sie Tischmanieren und üben Sozialverhalten ein, zum Beispiel friedlich nebeneinander zu sitzen, höflich nach der Butter zu fragen und sich gegenseitig den Teller zu reichen.

Sie lernen auch, friedlich mit Kindern aus anderen Klassen umzugehen. Außerdem verbessern sie ihren Wortschatz. Viele unserer Schüler sprechen sehr schlecht. In einigen Familien verbringen sie ihre Freizeit zu häufig vor dem Fernseher. Das Vorlesen und gemeinsame Reden kommt zu kurz.

Wie begleitet ihre Schule das Projekt?
Mein Kollegium hält sich nett aus dem Projekt heraus, aber wenn es Probleme geben oder ich um Hilfe bitten würde, dann bekäme ich diese jederzeit. „brotZeit“ gehört zu unserem Schulalltag. Niemand stellt den Sinn in Frage.

Morgens gehe ich auf dem Weg zu meinem Klassenraum kurz beim Frühstück vorbei und schaue nach dem Rechten. Denn für unsere beiden Ehrenamtlichen ist das manchmal schon eine echte Herausforderung mit über fünfzig hungrigen, oft aufgedrehten Kindern. Manchmal muss ich dann ein Machtwort sprechen und erklären, dass es nicht in Ordnung ist, so viel Aufstrich wie möglich auf das Brot zu geben und es dann nicht einmal zu essen. Ich erkläre ihnen von Zeit zu Zeit, dass Menschen ihr Geld spenden, um ihnen das Frühstück zu ermöglichen, und dass unsere Frühstücksdamen das Frühstück ehrenamtlich organisieren. Das macht sie nachdenklich.

Neben dem Frühstück können die Kinder weitere „brotZeit“-Angebote an ihrer Schule nutzen. Wie funktioniert das?
Das Frühstück war der erste Schritt und Voraussetzung dafür, dass ich außerdem ein Schach-Projekt beantragen konnte. Ich bin selbst Mutter. Bei uns wird auch Schach gespielt. Daher weiß ich, wie gut sich das auf die Konzentration und auf mathematische Fähigkeiten auswirken kann. Die SchülerInnen haben das Schachprojekt begeistert angenommen.

Montags läuft der Kurs für Anfänger, donnerstags für Fortgeschrittene. Der Erfolg liegt vor allem an unserem großartigen Schachtrainer Gustav Kallwein*, der selbst Lehrer war und eine Gabe hat, den Kinder das Spiel nahe zu bringen und sie dafür zu begeistern. Wenn ich dort vorbeischaue, dann herrscht hochkonzentrierte Stille. Wir veranstalten auch kleine Turniere, bei denen die Kinder zeigen können, was sie gelernt haben. Das macht sie stolz und selbstbewusst. Die besten Schüler nehmen am Ende des Schuljahres an der Berliner Schulschachmeisterschaft teil.

Und dann gibt es noch das „Zeitprojekt“?
Ja, an unserer Schule in Hellersdorf herrscht zurzeit Lehrermangel. Das Zeitprojekt ist daher für uns eine wunderbare und große Hilfe. Lern- und Lesepaten unterstützen die Kinder im Unterricht. Sie üben mit ihnen lesen. Gerade für unsere Kinder mit besonderem Förderbedarf ist jede zusätzliche Unterstützung wichtig. Hier schließen unsere acht Ehrenamtlichen aus dem Zeitprojekt eine große Lücke. Darüber hinaus helfen Integrationspaten auch den Kindern aus der Willkommensklasse. Ich bin sehr froh, dass brotZeit uns so großzügig unterstützt.

* Namen von der Redaktion geändert

Weitere Informationen zu „brotZeit“

>> Projektsteckbrief
>> Interview mit Uschi Glas, Gründerin von „brotZeit e.V.“
>> Geschichte: Ein viel besseres Zeugnis für Marie

 

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